Sicherheitspolitik

Korea –Sardelle zwischen den Walen

16.07.2019, von Ulrich Feldmann

Bad Kissingen: Die Gesellschaft für Sicherheitspolitik Sektion Bad Kissingen, hatte erneut in Kooperation mit der Kreisgruppe Rhön-Saale zu einem außenpolitischen Vortrag eingeladen. Sektionsleiter Oberstleutnant a.D. Ulrich Feldmann, zugleich auch Beauftragter für Sicherheitspolitik der Bezirksgruppe Unterfranken, konnte diesmal Professor Dr. Michael Staack von der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg als Referenten im Großen Saal des Parkwohnstiftes begrüßen. Professor Staack lehrt Internationale Politik und ist auch Berater des deutschen und südkoreanischen Außenministeriums für Fragen der Koreanischen Wiedervereinigung. Als besondere Gäste nahmen diesmal teil: Frau Moung-Keum Hardt, geborene Koreanerin und Oberst Markus Klaedtke vom Regionalstab Territoriale Aufgaben Nord in Nürnberg.

Warum hieß das Thema „Korea - Sardelle zwischen Walen“? Jedem interessierten Zeitgenossen ist klar, was damit gemeint ist: eigentlich müsste man von zwei Sardellen sprechen. Nordkorea, der kommunistisch-autokratisch regierte Teil der Halbinsel Korea mit der Hauptstadt Pjöngjang und das demokratische Südkorea mit der Hauptstadt Seoul. Die Wale, unschwer zu erraten, die Machtblöcke China und die USA. Der Norden Koreas mit seinem Führer Kim Jong-un schafft es immer wieder, sein Land mit seiner aggressiven Aufrüstung in die Medien zu bringen und die USA herauszufordern. Die Einhaltung von Menschenrechten, wie sie die Vereinten Nationen vorgeben, hat in Nordkorea keine Bedeutung-nach Berichten von VN-Organisationen schmachten Hundertausende politisch Verfolgter in sog. Umerziehungslagern.

Eine Bedrohung des Weltfriedens sind die atomare Aufrüstung des Landes und die immer weiter verbesserten Raketenprogramme der Nordkoreaner. Die neuesten bereits getesteten Interkontinentalraketen könnten sogar die USA erreichen- diese sehen sich dadurch bedroht.

Auch konventionell ist die Militärmacht Nordkoreas eine Bedrohung für den Frieden in der Region: seine Armee hat eine Stärke von 1,1 Mill. Mann mit 4000 Panzern bei 23,7 Mill. Einwohnern.

Mit China als Schutzmacht für Nordkorea im Rücken zieht eine Konfrontation mit den USA unweigerlich eine Destabilisierung des Friedens in Ostasien nach sich. Die Wirtschaftssanktionen der USA belasten das Land. Im November 2018 scheiterten die ersten direkten Verhandlungen zwischen Machthaber Kim, dem „Raketenmann“ und US-Präsident Trump. Vor kurzem kam es jedoch zu einer spontanen Begegnung Trumps mit Kim auf nordkoreanischem Boden- ob diese Ein-Mann-Außenpolitik ohne entsprechende diskrete Vorbereitung durch diplomatische Kanäle zum Erfolg führt? -Prof. Dr. Staack bezweifelt das, hat Trump doch inzwischen viele sachkundige Diplomaten seines Außenministeriums, die seine emotionale und von verbalen Entgleisungen gekennzeichnete Twitterpolitik kritisieren, entlassen.

Welcher Kontrahent verfolgt welche Interessen? Trump sucht den politischen Erfolg mit Blick auf seine Wiederwahl. Kim ist auf den Wegfall der wirtschaftlichen Sanktionen wegen der gravierenden wirtschaftlichen Schieflage seines Landes angewiesen-besonders schwer hat die Bevölkerung die seit 3 Jahren wiederkehrende Dürreperiode getroffen, die zu massiven Ernteausfällen führte. 17 Millionen Menschen sind unterernährt und 34% auf staatliche Lebensmittelrationen angewiesen. So paradox es klingt: das Welternährungsprogramm hilft der notleidenden Bevölkerung der nach Atomraketen strebenden Diktatur beim Überleben.

Konflikte und Interessen der Mächte

Im Grunde sind es drei Konflikte, die sich in dieser Region überlagern: die Konfrontation der Volksrepublik Korea mit der Weltmacht USA, der Hegemonialkonflikt der USA mit der Volksrepublik China und schließlich der Konflikt zwischen den beiden Koreas.

Die Interessenlage Chinas beschreibt Professor Staack so: China will keinen Krieg vor seiner Haustür. Ein vereinigtes Korea unter US-Einfluss, möglicherweise sogar wieder mit US-Truppen an seiner Grenze, ist unannehmbar. China will bei allem was in Korea geschieht diplomatisch beteiligt sein und sieht nicht ohne Häme, wie die Weltmacht USA sich am Führer Kim abarbeitet. Wohin strebt Südkorea? Es hat kein Interesse an einem Krieg auf der Halbinsel. Auf lange Sicht wird eine Wiedervereinigung der beiden Landesteile angestrebt. Fazit, ohne Chinas Einwilligung geschieht nichts in dieser Region.

Das größte Defizit auf dem Weg zu einer Lösung des Konflikts ist das fehlende Vertrauen zwischen den Blöcken, sagte Professor Staack. Dies ist nicht verwunderlich, wenn man die moderne kriegerische Geschichte im asiatischen Raum aufschlägt. Die Völker haben sich nicht weniger verletzt und beschädigt, wie es die europäischen Völker in zwei Weltkriegen zuließen. Die Wunden sind in Asien noch offen. Ein traumatisches Ereignis für die Koreaner war die Besetzung ihres Landes durch die Japaner im Jahre 1910 und der Sturz des koreanischen Kaiserreiches. Die Gräuel der Japaner an der Zivilbevölkerung vergessen die Koreaner nicht und eine Aufarbeitung der Kriegsverbrechen in Japan ist nicht in Sicht. Auch der Koreakrieg hinterließ seine Spuren, noch heute gegenwärtig in der geografischen Spaltung des Landes in zwei politische Systeme. In der anschließenden angeregten Diskussion wurde auch die Frage gestellt:

Wie geht es weiter?

Besteht überhaupt noch Hoffnung für eine Denukliarisierung Nordkoreas? Auf welchen „Deal“ könnte sich Machthaber Kim Jong-un einlassen? Es stehen zwei Forderungen im Raum, die in ausgewogener Art in pragmatische Lösungen umgesetzt werden müssen: Abbau der Atomanlagen gegen Lockerung der Sanktionen und als zweitem Schritt Abzug der US-Truppen aus Südkorea- aber wer soll in welchem Umfang beginnen? Als nächste Schritte stehen auf der Agenda die Einrichtung von Verbindungsbüros, direkte Kontakte zwischen dem Militär der DVRK und der USA und die Beendigung des Koreakrieges durch die Unterzeichnung eines Friedensvertrags. Voraussetzung ist jedoch die Einigung der großen „Kartenspieler“ auf ein gemeinsames Ziel.

Professor Staack erhielt von den Zuhörern viel Zustimmung für seinen glänzend vorgetragenen und fundierten Vortrag. Die außenpolitische Vortragsreihe wird am 11. September mit dem Thema „Indien - vom Schwellenland zur Großmacht“ fortgesetzt.